Mittwoch, 7. August 2013

Was hat das Leben mit Dir gemacht?


Es ist bestimmt schon knappe zwei Monate her und geht mir nicht aus dem Kopf. Ich fuhr mit der U-Bahn nach Hause, eine Viertelstunde vor der Endstation stieg ein Mann ein und setzte sich mir gegenüber. Er sah erschöpft aus. Er trug ein altes Sakko und einen kleinen Rucksack. Ich würde sagen dass er so etwa 60 Jahre alt war. 

Normalerweise denke ich mir nicht viel, wenn ich einen Menschen ansehe, der mir gerade gegenüber sitzt. Ihn habe ich mir aber genauer angesehen. Keine Ahnung, warum ich mir gerade über ihn Gedanken machte, aber mein Kopf füllte sich gerade mit kurzen Filmen. Die Gehirnzellen wurden wach und machten sich an die Arbeit.

Mein erster Gedanke war, er sieht aus als hätte ihn das Leben gezeichnet. Diese Bemerkung ist meistens übertrieben, aber nicht in diesem Fall. Man konnte ihm ansehen, dass er im Leben jede Menge erlebt hatte. Der nächste Gedanke war, ich möchte mir gerne seinen Geschichte anhören. Aber warum sollte er einem Fremden etwas über sich selbst erzählen?

Ich fand ihn interessant, also reimte ich mir meine eigene Geschichte zusammen. Er sah wie schon erwähnt erschöpft aus, vielleicht war auch die Hitze schuld daran. Ich konnte erkennen, dass er nicht besonders gut gekleidet war, das alte Sakko verriet mir, dass er trotz Armut versuchte, Stil zu bewahren. Ja, er sah gepflegt aus. Anhand der Bekleidung konnte man erkennen, dass er schon lange keine neuen Sachen gekauft hatte. Vermutlich konnte er sich keine leisten.

Ich nahm an, dass er vielleicht seinen Sohn oder seine Tochter besuchen fuhr, vielleicht auch sein Enkelkind. Vorfreude konnte man in seinem Gesicht nicht erkennen. Vielmehr sah er aus, als hätte er bereits einen schweren Tag hinter sich gebracht. Viele Falten zierten sein Gesicht, das verriet mir dass er sein Leben lang schwer gearbeitet hatte, wo auch immer. Vielleicht an einer Baustelle, keine Ahnung. Er hatte bestimmt seine guten Zeiten, aber auch schwere. Für ein Auto war bestimmt kein Geld und für die Pension war er noch nicht alt genug. Das bedeutete für mich, dass das Leben bestimmt noch einige Überraschungen für ihn bereit hielt. 

Ehrlich gesagt tat er mir leid. Und ich fragte mich ob ich vielleicht in 20 Jahren ebenfalls in der U-Bahn sitzen würde und mir gegenüber jemand sitzt, der sich Gedanken über mich und mein Leben macht? Ich fragte mich: "Was hat das Leben mit dir gemacht?" Ich wusste keine Antwort darauf, trotzdem versuchte ich diese Frage für mich selbst zu beantworten, ohne diesen Menschen zu kennen. Kann man wirklich so viel über einen Menschen sagen, nur wenn man ihn angesehen hat? Ich denke nicht. Ich urteile niemals schlecht über einen Menschen, den ich nicht kenne. Ich war einfach nur interessiert.

Seitdem sehe ich mir hin und wieder die Menschen an, die mir gegenüber sitzen. Meistens kann ich keine Geschichte hinter diesen Menschen erkennen. Ich erkenne selten etwas Interessantes in den Gesichtern, die ich ansehe. Damit meine ich Menschen, die ich absolut nicht kenne. Aber dieser Herr war interessant. Es brachte mich dazu, über mich selbst nachzudenken, denn dieser Mann könnte irgendwann auch ich sein...

Kommentare:

  1. wirklich sehr interessant geschrieben! aber auch ich hab mir schon paarmal gedanken über menschen gemacht, die mir in den öffis begegnet sind... ich denke, vor allem wenn man älter wird (keine 19 mehr ist :) denkt man über so etwas häufiger nach! LG Manu

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    1. Hey Manu, da könntest du recht haben. Nur dieses eine mal ist mir schon richtig lange in Erinnerung geblieben. Du kannst mir mal deine Geschichte dazu gerne mal erzählen. Würde mich interessieren. :-)
      Liebe Grüße

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  2. Du wirst jetzt vielleicht schmunzeln, aber mir ist das auch schon passiert!
    Man begegnet Menschen über die man nichts weiß und auch nie etwas wissen wird und dennoch fesselt Ihr Anblick!
    Eigentlich sollte man sich dann daneben setzten und einfach mal fragen, jede erdachte Geschichte könnte stimmen oder total daneben sein..
    Faszinierend!

    Du hast es wundervoll in Worte verpackt und uns in deine Gedanken geholt.
    Danke dir dafür!

    Was hat das Leben aus mir gemacht?
    Noch nicht so viel, Faltenfrei zum Glück bisher :-)
    Meine Leber hat sich auch vom jugendsuff erholt,
    Es würde mich dennoch interessieren, welchen Eindruck ich mache und welche Geschichte dir zu mir einfallen würde!

    liebe grüße nach wien

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    1. Schön zu wissen, dass nicht nur mir so etwas passiert :-)
      Die Phantasie hat keine Grenzen, auch wenn man bemüht ist, sie so realistisch wie möglich zu halten.
      Eine Geschichte zu dir? Eine Herausforderung also...
      So stelle ich mir die Chrissy vor: :-)
      Ich habe mir tatsächlich schon meine Gedanken zu dir gemacht. Ich glaube dass du so etwas wie eine Heldin des Lebens bist. Die Tatsache, dass du älter geworden bist, als du jemals werden wolltest verrät mir, dass das Leben nicht immer leicht war und du ganz schön was erlebt hast. Du hast dich heldenhaft durch schwierige Situationen gerettet. Vielleicht war es eine wilde Jugend oder so etwas. Jedenfalls kann dir heute keiner mehr erzählen wie das Leben läuft. Das weißt du bereits bestens. Vielmehr kannst du anderen Menschen davon erzählen.
      Du hast dir deinen Humor bewahrt und nimmst das Leben jetzt locker. Als Heldin des Lebens darf man das. :-)
      Ich glaube dass man dich nicht unterschätzen darf. Außerdem magst du dein Leben so wie es jetzt ist, das spürt man in deinen Texten und Bildern. Du bist bestimmt froh, anders zu sein als die meisten Menschen. Das macht dich zu jemand Besonderem. Du bist ein bunter und witziger Typ. Die Menschen die dich kennen sind bestimmt stolz darauf dich zu kennen.
      Ja, so stell ich mir deine Geschichte vor.
      Ich hoffe irgend etwas davon stimmt :-D
      Meine allerbesten Grüße an deine Leber :-)
      Liebe Grüße

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  3. Tolle Geschichte! Ich denke auch oft über Menschen nach, die mir zufällig gegenüber sitzen. In meinem Fall sind es jedoch oft ältere Damen. :)
    Vielen vielen Dank übrigens für deine Empfehlung der beiden Cafés in Prag! Der werde ich auf jeden Fall nachkommen!
    Liebe Grüße, Yulia

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    1. Hi, Dankeschön für das Kompliment. Anfangs wusste ich nicht, ob ich es überhaupt schreiben sollte. Schön zu sehen, dass es mehr Menschen gibt, die sich über andere Menschen Gedanken machen.
      Ich hoffe du kannst mit meinen Empfehlungen etwas anfangen. Ich war von diesen 3 Tagen in Prag wirklich begeistert. :-)
      Liebe Grüße zurück.
      Danny

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